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Nachgefragt bei Katharina Fegebank

„Wir brauchen einen neuen Spirit“

Im neuen Hamburger Senat ist Katharina Fegebank Zweite Bürgermeisterin sowie Senatorin für Umwelt, Klima, Energie und Agrarwirtschaft. Nicht nur räumlich ist ihre Behörde nah an der Stadtentwicklungsbehörde angesiedelt. Auch in den Themen gibt es Überschneidungen. 

BFW Landesverband Nord: Sie sind als Senatorin von der Wissenschafts- zur Umweltbehörde gewechselt. Was haben Sie sich vorgenommen für diese Legislaturperiode? 

Katharina Fegebank: Es ist mir eine Herzensangelegenheit, die Themen Klima- und Umweltschutz, Artenvielfalt, Nachhaltigkeit und die Energie- und Wärmewende positiv in der Gesellschaft zu besetzen. Ich möchte mit voller Energie Begeisterung für diese Themen wecken, damit jede und jeder sich engagiert und versteht, dass wir es nur gemeinsam schaffen werden, eine weiterhin lebenswerte Zukunft für uns, unsere Kinder und Enkelkinder zu sichern. Wir brauchen einen neuen Spirit bei diesen Themen, wir wollen und werden mehr und mehr erfolgreiche Beispiele für gelebten Umwelt- und Klimaschutz „aus der Nachbarschaft“ erzählen.

Das aufgrund des Volksentscheids geltende Ziel ist es, dass Hamburg im Jahr 2040 klimaneutral ist. Ich setze mich mit aller Kraft dafür ein, dass wir dieses herausfordernde Ziel erreichen. Hamburg ist hier in einer hervorragenden Ausgangsposition, sich zukunftsfest aufzustellen. Die erfolgreiche Rekommunalisierung der Energieunternehmen, die weit vorangeschrittene Realisierung des Energieparks Hafen und des Zentrums für Ressourcen und Energie sind bedeutende Meilensteine auf dem Weg einer klimaneutralen Energie- und Wärmeversorgung. Mit Blick auf den Zukunftsentscheid sind wir nun gemeinsam gefordert, unsere Anstrengungen zu intensivieren. Hier setzen wir mit dem Wasserstoffhochlauf am Standort Moorburg, der PV-Strategie und natürlich der Wärmeplanung an.

Ich setze mich aber auch dafür ein, dass der Ausbau von Grünflächen und Klimaanpassungen konsequent verfolgt wird. Und ich nutze meine Kenntnisse und Kontakte als ehemalige Wissenschaftssenatorin dafür, eine Brücke zu schlagen zwischen Wissenschaft und praktischem Handeln im Bereich Umwelt-, Klima- und Artenschutz, indem wir z. B. verstärkt den Kontakt zu Start-ups aus der Green-Tech-Branche, die aus Forschungsvorhaben hervorgegangen sind, suchen und ggf. auch neue, vielversprechende Projekte auf den Weg bringen.

Unter Ihrem Vorgänger hat sich ein Paradigmenwechsel weg von der Gebäudeeffizienz hin zur CO2-Reduzierung vollzogen. Wie wollen Sie diesen Weg weitergehen? 

Das war kein Hamburg-Thema, es hat bundesweit eine Diskussion über diesen sogenannten Paradigmenwechsel gegeben, der in Wahrheit keiner ist, sondern den Fokus geraderückt. Ziel ist und bleibt die Klimaneutralität im Gebäudebereich. Der veränderte Fokus richtet sich darauf, Förderungen und gesetzliche Vorgaben kosteneffizienter zu gestalten und eine Reduktion der Treibhausgase maßgeblich durch die Umstellung der Wärmeversorgung auf klimaneutrale Technologien zu erreichen. Energieeffizienz und Energieeinsparung bleiben aber weiterhin wichtig. Und auch das „efficiency first“ Prinzip aus der Energieeffizienzrichtlinie und die Energieeffizienzziele des Energieeffizienzgesetzes (EnEfG) gelten weiterhin. 

Insbesondere im Hinblick auf den Einsatz von Wärmepumpen oder den Anschluss an Wärmenetze ist ohne Anstrengungen im Bereich der Gebäudeeffizienz langfristig mit deutlich höheren (Betriebs-) Kosten zu rechnen. Die energetische Optimierung der Gebäudehülle bleibt deshalb weiterhin wichtig. Dies gilt auch für Neubauten, bei denen sich höhere Dämmstandards vergleichsweise kostengünstig realisieren lassen und auch durch Finanzmittel vom Bund gefördert werden. Es geht hier am Ende überall um das rechte Maß. 

Der sogenannte „Bau-Turbo“ soll das Abweichen von bauplanungsrechtlichen Vorschriften und deutlich verkürzte Verfahren ermöglichen. Machen Sie sich Sorgen, dass dadurch Natur- und Klimaschutz zu kurz kommen?

Aufgrund der steigenden Wohnraumnachfrage bei gleichzeitig gebremster Neubautätigkeit befinden wir uns in einer herausfordernden Situation, was die Versorgung der Bevölkerung mit bezahlbarem Wohnraum angeht. Der sogenannte „Bau-Turbo“ ist eine von mehreren Maßnahmen, die dieser Entwicklung entgegenwirken sollen. Demnach könnten zusätzliche Wohnungen bereits nach einer zweimonatigen Prüfung zugelassen werden. Das ist gut so. Ich bin überzeugt, dass dieser Turbo auch nicht auf Kosten des Umwelt- und Klimaschutzes geht, denn die relevanten umwelt-, energie- und klimaschutzrechtlichen Vorgaben bleiben davon unberührt.

Wie weit ist Hamburg auf dem Weg zum klimaneutralen Gebäudebestand?

Derzeit ist der Zwischenbericht zur Erreichung der Hamburger Klimaschutzziele in Arbeit, der laut Hamburgischem Klimaschutzgesetz alle zwei Jahre zu erstellen ist. Anhand dieses Berichtes soll die Zielerreichung 2030 für die einzelnen Sektoren abgeschätzt werden. Im Sektor Private Haushalte werden die Wohngebäude betrachtet, im Sektor Gewerbe, Handel, Dienstleistungen die öffentlichen und privaten Nichtwohngebäude. Neben der Machbarkeitsstudie für Wohngebäude haben wir Studien für private und öffentliche Gebäude erstellen lassen, aus denen wir konkrete Maßnahmenempfehlungen zur Erreichung eines klimaneutralen Gebäudebestandes ableiten werden. Durch den Zukunftsentscheid werden zusätzliche Maßnahmen erforderlich werden, um die ambitionierten Klimaschutzziele bis 2040 zu erreichen. 

Wie möchten Sie Eigentümer und Bestandshalter hierbei unterstützen?

Wir unterstützen diese finanziell beim Bauen und Sanieren. Gemeinsam mit der Hamburgischen Investitions- und Förderbank haben wir zahlreiche Programme aufgelegt, die energieeffizientes und nachhaltiges Bauen sowie Sanieren gezielt fördern. In Kombination mit den Bundesförderprogrammen können so bis zu 60 Prozent der Kosten durch Fördermittel abgedeckt werden. 

Für Eigentümer:innen und Bestandshalter:innen, sowohl von Wohn- als auch von Nichtwohngebäuden, bieten die Hamburger Energielotsen kostenlose Orientierungsberatungen zur energetischen Sanierung an. Das Angebot wird sehr gut angenommen. Allein in der zweiten Jahreshälfte 2024 haben die Energielotsen circa 5.000 Beratungen durchgeführt. In dieser Legislaturperiode werden wir das Angebot weiter ausbauen, um noch mehr Sanierungen zu ermöglichen und den Weg zu klimaneutralen Gebäuden zu unterstützen. 

Wann rechnen Sie mit der Fertigstellung der Hamburger Wärmeplanung?

Die Wärmeplanung befindet sich in vollem Gange und wird gemäß den gesetzlichen Vorgaben bis Mitte 2026 abgeschlossen und veröffentlicht sein. Derzeit führen wir einen umfassenden und intensiven Beteiligungsprozess durch, in dem alle relevanten Akteure eingebunden und angehört werden. Doch mit der Fertigstellung des Wärmeplans geht es erst richtig weiter: Danach beginnt die Umsetzungsphase, in der wir entsprechend der Umsetzungsstrategie des Wärmeplans zahlreiche zentrale Maßnahmen ergreifen. Einige sind wir bereits angegangen, wie z. B. die Einrichtung einer Koordinierungsstelle für den Energieinfrastrukturausbau in meiner Behörde, um den erforderlichen Leitungsausbau zu beschleunigen. Insgesamt wird die Verwaltung in der Umsetzung des Wärmeplans die Rolle der Koordinatorin, Rahmengeberin und Ermöglicherin einnehmen.

Die Verwendung von Holz als Baumaterial ist wieder stark im Aufwind. Auch andere nachhaltige Baustoffe sollen zukünftig bessere Verwendung im Neubau und bei Modernisierungen finden. Was ist Ihnen in diesem Kontext wichtig und wie werden Sie die Verwendung nachhaltiger Baustoffe fördern?

Klimaschonendes Bauen geht sehr gut mit Holz. Aber auch bei konventionell gebauten Häusern kann auf den Klimaschutz geachtet werden, etwa durch den besonders effizienten Einsatz von Materialien. Wir haben deshalb die Holzbauförderung auf die Einsparung von grauer Energie umgestellt. Wer klimaschonend baut, kann jetzt unabhängig vom Baustoff gefördert werden.

Besonders wichtig ist es dabei, den Einsatz von klimaschonenden Baustoffen und den effizienten Einsatz von Baustoffen bereits in frühen Planungsphasen konsequent zu berücksichtigen. An den gleichen Stellen im Planungsprozess setzt übrigens auch der Hamburg-Standard an. Kostenreduziertes und klimaschonendes Bauen kann und muss Hand in Hand gehen.

Natürlich sollte auch bei Modernisierungen auf den Einsatz nachhaltiger Baustoffe geachtet werden. Das wird in Hamburg gefördert. Aber in der Gesamtschau, also mit Blick auf den Lebenszyklus der Gebäude, sollte bei Modernisierungen die energetische Optimierung der Gebäudehülle im Fokus stehen.

Wie schätzen Sie das Potenzial der Kreislaufwirtschaft in der Bauwirtschaft ein?

Das Potenzial für den Klimaschutz ist meiner Ansicht nach erheblich. Wenn wir Bauprodukte wiederverwenden, fallen die Emissionen aus der Herstellung und der thermischen Verwertung ja gar nicht erst an. Das ist ein gewaltiger Hebel. Wir nähern uns in Hamburg dem Thema von mehreren Seiten. Zum einen müssen wir dafür Sorge tragen, dass die Gebäude, die wir heute bauen, in Zukunft besser demontierbar sind. Hier gibt es bereits einige positive Beispiele insbesondere im Holzbau. Auch dies ist eine Frage der konsequenten Gebäudeplanung im Sinne des Klimaschutzes. Wie die Hamburgerinnen und Hamburger dann in 100 Jahren tatsächlich mit diesen Gebäuden umgehen, lässt sich schwer vorhersehen. 

Für den Klimaschutz ist es wichtig, die vorhandene Bausubstanz möglichst zu erhalten. Bei öffentlichen Gebäuden gehen wir hier neue Wege, indem wir jeweils prüfen, ob eine Sanierung oder Modernisierung des bestehenden Gebäudes aus Gründen des Klimaschutzes einem Ersatzneubau vorzuziehen wäre. Das ist gar nicht so einfach, denn neue Gebäude erfüllen meist ganz andere Funktionen und passen besser zum aktuellen Bedarf, sodass hier die Gefahr besteht, Äpfel mit Birnen zu vergleichen. Aber natürlich kann der Klimaschutz so zunächst bei der Abwägung berücksichtigt werden. Das ist ein erster Schritt.

Welche aktuellen Hamburger Bauprojekte finden Sie besonders zukunftsweisend?

Ein zukunftsweisendes Bauprojekt, das mir sofort einfällt, ist das „Moringa“ in der HafenCity. Es wird Deutschlands erstes Wohnhochhaus sein, das nach dem Cradle-to-Cradle-Prinzip errichtet wird und dabei hohe Nachhaltigkeits- und Recyclingstandards erfüllt. Mit begrünten Fassaden, vielfältigen Gemeinschaftsflächen und einer nachhaltigen Energieversorgung durch Fernwärme und Photovoltaik setzt es neue Maßstäbe für ressourcenschonendes Bauen. Aber auch das bereits fertig gestellte „Roots“ hat mit seinen 19 Stockwerken neue Maßstäbe in der Konstruktion eines Holzhochhauses gesetzt!

Bildquelle: Katharina Fegebank_Senatskanzlei Hamburg